Hintergrundinformation zu
Alphabetisierung und Basisbildung
Derzeit gibt es auf der Welt geschätzte 862 Millionen AnalphabetInnen. Der Großteil davon lebt in den so genannten Entwicklungsländern. Ein Problem, das durchaus bekannt ist. Weit weniger bekannt ist, dass auch die Industriestaaten vom (funktionalen) Analphabetismus betroffen sind.
Die zwischen 1995 und 1998 in zwanzig Staaten (darunter Deutschland, Schweiz, Finnland, USA, Ungarn und Großbritannien) durchgeführte Unesco-Studie International Literacy Survey kam zu dem Resultat, dass auch in den industrialisierten Staaten 8-15% der Bevölkerung nicht ausreichend lesen und schreiben können. Auf Österreich umgerechnet entspräche das zwischen 650.000 und 1,2 Millionen Betroffenen.
Von ähnlichen Zahlen geht auch das Europäische Parlament aus. In einer Entschließung gab es 2002 zu bedenken, dass zwischen 10 und 20% der Bevölkerung in der Europäischen Union nicht fähig sind, die für das „Funktionieren der Gesellschaft und das Erreichen ihrer Ziele erforderlichen Drucksachen und Schriftstücke zu verstehen“.
In Österreich gibt es leider keine empirischen Untersuchungen zu diesem Problem und somit auch keine konkreten Zahlen. Man geht aber von zumindest 300.000 unzureichend alphabetisierten ÖsterreicherInnen aus. Neuere Schätzungen sprechen von bis zu 600.000 funktionalen AnalphabetInnen in Österreich. Basis dafür ist die PISA-Studie 2000 der OECD, nach der 14-18% der 15-16 Jährigen als Risikogruppe zu sehen sind.
Grundsätzlich sagt die erfüllte Schulpflicht nichts über den Lernstand der einzelnen SchülerInnen aus, wobei die Schulpflicht auch dann als erfüllt gilt, wenn kein Schulabschluss erreicht werden konnte.
Die Gründe, warum Personen trotz Schulbesuchs funktionale AnalphabetInnen sind, sind sehr vielfältig. In den meisten Fällen kommen funktionale AnalphabetInnen zwar aus Verhältnissen, die geprägt sind von sozialer und ökonomischer Armut und/ oder vor allem auch kommunikativer „Armut“, wo Schrift und Sprache in den alltäglichen Kommunikationssituationen fehlen. Letzteres gilt aber nicht nur für Familien mit einem schwachen sozio-ökonomischen Hintergrund. Funktionaler Analphabetismus entsteht letztlich erst in der Folge mangelnder Kompensation durch die Schule und durch die Gesellschaft.
Das heißt, funktionaler Analphabetismus entsteht in einem Zusammenspiel von individuellen, familiären, schulischen und gesellschaftlichen Faktoren.
Der Begriff des funktionalen Analphabetismus unterliegt allerdings auch einem ständigen Wandel. Vor hundert Jahren waren geringere Kenntnisse notwendig als heute. Innerhalb der Industriestaaten mit ihren hohen Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache gelten Personen auch dann als Analphabeten, wenn sie über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse verfügen.
Grundsätzlich können folgende Formen des Analphabetismus unterschieden werden (siehe dazu Hubertus und Döbert):- Primärer Analphabetismus: Eine Person hat keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse erworben. Davon betroffen sind vor allem Menschen in Staaten mit einem wenig ausgebauten Schulsystem, die keine Gelegenheit zum (regelmäßigen) Schulbesuch hatten.
- Sekundärer Analphabetismus: Nach mehr oder minder erfolgreichem Schulbesuch setzt der Prozess des „Vergessens“ ein, bei dem einmal erworbene Schrift- oder Rechenkenntnisse wieder verloren gehen bzw. das sinnerfassende Lesen und Schreiben wurde nie richtig erlernt. Das heißt, die Kinder haben hier zwar während der Schulzeit lesen und schreiben gelernt, als Jugendliche oder Erwachsenen haben sie das wieder verlernt.
- Funktionaler Analphabetismus: Ob eine Person als Analphabet gilt, hängt aber nicht nur von den individuellen Schreib- und Lesekenntnissen ab. Es muss auch berücksichtigt werden, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung innerhalb der konkreten Gesellschaft, in der diese Person lebt, erwartet wird. Wenn die individuellen Kenntnisse niedriger sind als die erforderlichen und als selbstverständlich vorausgesetzten Kenntnisse, liegt funktionaler Analphabetismus vor. Das heißt, der Begriff funktionalen Analphabetismus trägt der Relation zwischen dem vorhandenen und dem notwendigen bzw. erwarteten Grad von Schriftsprachenbeherrschung in seinem historisch-gesellschaftlichen Bezug Rechnung. Vor hundert Jahren waren geringere Kenntnisse erforderlich als heute. In einer westeuropäischen Gesellschaft werden weitergehende Kenntnisse erwartet als in sog. Entwicklungsländern. (Hubertus)
In der Fachliteratur gibt es jetzt keine feststehende Definition, sondern eher verschiedene Beschreibungen, was unter funktionaler Analphabetismus zu verstehen ist, wie etwa Folgende: „Funktionale AnalphabetInnen sind Menschen, die aufgrund fehlender oder unzureichender oder unsicherer Beherrschung der sich stets wandelnden Schriftsprache und aufgrund der Vermeidung schriftsprachlicher Eigenaktivitäten nicht in der Lage sind, Schriftsprache für sich oder andere im Alltag zu nutzen.“ (Döbert)
